Wednesday, 15 November 2017

Nighthawks

Jedes Bild erzählt eine Geschichte, heisst es in der Pressemitteilung. Nicht nur eine, sondern mehrere. Zudem: Nicht die Bilder erzählen Geschichten, sondern die, die sie sich anschauen, weshalb sie denn auch meist mehr über die Betrachter als über das Betrachtete aussagen.

Was für eine tolle Idee, Geschichten von US-Autoren (wobei: Lee Child ist Engländer, lebt jedoch schon lange in Manhattan) zu den Bildern von Edward Hopper (1882-1967), diesem ikonischen US-Maler, in einem Band zu publizieren. Noch toller ist, dass es sich dabei hauptsächlich um Thriller-Autoren handelt, die ich schätze. Unter ihnen gibt es auch solche, von denen mir nur die Namen geläufig sind und noch andere, die ich überhaupt nicht kenne, auf die ich jedoch hinreichend neugierig bin, weil ich vor vielen Jahren auch ein paar Bücher (aus der Bernie-Rhodenbarr-Serie) des Herausgebers, Lawrence Block, gelesen habe und ihm deswegen vertraue, obwohl ich keine rechte Erinnerung mehr daran habe.

Den einzelnen Geschichten ist eine Kurzinformation über die jeweiligen Autoren vorangestellt, bei einigen erfährt man etwas über ihren Hopper-Bezug, bei anderen nicht. Bei Jill D. Block liest man: "Sie erinnert sich vage, am College einen Kurs in Kunstgeschichte belegt zu haben, in dem sie in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Ausschalten der Beleuchtung und dem Einschlafen möglicherweise ein Dia von einem Edward-Hopper-Gemälde gesehen hat." Was ihre Geschichte mit Hopper zu tun hat, hat sich mir nicht einmal vage erschlossen, doch sie ist clever aufgebaut, zieht einen hinein.

Auf ganz vielfältige Art gelungen ist Robert Olen Butlers 'Abenddämmerung'. Das Hopper-Bild zeigt einen Pierrot auf einer Restaurantterrasse sitzen, eine Zigarette im Mund und vor sich hin starrend. Butlers Protagonist ist Maler, hat seine Frau Solange von der Place Pigalle gerettet und oft gemalt. "Sie hat sich in das Bild verliebt, das ich für sie erschaffen habe. Ich habe die wahre Gestalt ihres Fleisches gemalt, in Sonnenlicht und Schatten, im Schlaf und in Leidenschaft. Nur ich kenne die wahre Rötung ihrer Wangen, das rohe Siena und Ockergelb und Kadmiumrot unter den grellen Farben, mit denen sie das leidenschaftliche Gesicht gemalt hat, dass sie Leclerc präsentiert. Wir haben begriffen, Solange und ich, dass sie im tieferen Sinn nicht mehr existiert, es sei denn durch meine Hand."

Fazit: Ein höchst anregender Band, der nicht nur einlädt, Hoppers Bilder genauer zu betrachten, sondern auch Autoren zu entdecken. Zum Beispiel Craig Ferguson, der ein Fan von Edward Hopper, Lawrence Block, Elvis Presley und des heiligen Augustinus ist und von dem diese ganz wunderbare Passage stammt: "Während die Zeit dahinschwand, begannen die beiden alten Männer, die ihr ganzes Leben nur wenige Meilen voneinander gelebt hatten, einander ihre Geschichten zu erzählen, und in der Art von Menschen, denen Lächerlichkeit und Scham fremd geworden sind, vertrauten sie sich auch ihre Misserfolge an. Als Ehegatten, Väter, Liebhaber, als Männer. Und natürlich führte dieses Teilen ihrer Misserfolge dazu, dass sie einander mochten. Ein Vertrauen, zu dem nur die Verdammten fähig sind."

PS: Neben den bereits erwähnten, finden sich auch Geschichten folgender Autoren in dieser sehr ansprechenden Anthologie: Megan Abbott, Nicholas Christopher, Michael Connelly, Jeffrey Deaver, Stephen King, Joe R. Lansdale, Gail Levin, Warren Moore, Joyce Carol Oates, Kris Nelscott, Jonathan Santlofer sowie Justin Scott.

Nighthawks
Stories nach Gemälden von Edward Hopper
Herausgegeben von Laurence Block
Droemer, München 2017

Wednesday, 8 November 2017

Eine Reise um die Welt in 365 Tagen

Für jeden der 365 Tage des Jahres ein Bild von einem Magnum-Fotografen (darunter auch Frauen), ausgewählt (kuratiert, nennt das die Presse-Information) von Elisa Mazza. "Das Buch versteht sich als eine Art Atlas, der die verschiedenen Länder allerdings nicht über topografische Karten, sondern in Form von Fotos vorstellt."

Eine interessantes Konzept, auch wenn man ohne die Begleitinformation zum Bild wohl nicht immer wüsste, welchem Land die Aufnahmen zuzuordnen sind. Der Band erscheint aus Anlass des 70. Geburtstags von Magnum, der vermutlich berühmtesten Fotoagentur der Welt. Die Aufnahmen stammen aus dem Magnum-Archiv und sind von ganz unterschiedlicher Qualität – bei recht vielen wäre ich nie darauf gekommen, dass sie von gepriesenen Fotografen stammen, andere hingegen überzeugten durch gelungene Komposition.

Fotos auszuwählen setzt eine grosse Vertrautheit mit der Bilderwelt sowie ein gut entwickeltes Gespür für die Sprache der Bilder voraus. Welche Kriterien Elisa Mazza (und der von Chris Steele-Perkins ebenfalls in seinem Vorwort erwähnte Hamish Crooks) geleitet haben, wird nicht dargelegt. Man darf annehmen, da so eine Auswahl meist mehr vom Gefühl als von rationalen Überlegungen gesteuert wird, dass wohl wesentlich die Intuition, die sich bei intensiver Auseinandersetzung mit Fotografien entwickelt und verfeinert, entscheidend gewesen ist.

Dieses Buch zeigt unter anderem Werke, die einem Sichtweisen von grosser Originalität auf die Welt eröffnen (als Beispiel mag die Aufnahme des 2016 im Alter von 63 Jahren verstorbenen Peter Marlow von der America's Cup Jubilee Regatta, 2001, in Cowes, England, dienen) und ist darüber hinaus auch eine höchst faszinierende Zeitreise.
Copyright@Peter Marlow/Magnum Photos

Fotografien sind in erster Linie Auslöser. Nehmen wir Josef Koudelkas Aufnahme eines römischen Aquädukts in der Nähe von Oudna (Uthina), Tunesien aus dem Jahre 2012, die den Eindruck erweckt, vor ganz, ganz langer Zeit aufgenommen worden zu sein. Einerseits stellen sich bei mir automatisch Assoziationen an die italienische Präsenz in Nordafrika ein, andererseits gehen mir andere Bilder von Koudelka (vom Prager Frühling) durch den Kopf.
Copyright@Josef Koudelka/Magnum Photos

Zu den für mich faszinierendsten Aufnahmen gehören die Bilder, die Olivia Arthur von saudischen Frauen gemacht hat. Speziell eines, aus dem Jahre 2010, das zwei junge saudische Frauen beim Fastenbrechen zeigt, hat es mir angetan. Im Internet bin ich nicht fündig geworden, im Buch findet es sich unter dem Kalenderdatum des 8. Oktobers.

Eine Reise um die Welt in 365 Bildern ist ein höchst vielfältiger und anregender Begleiter durchs Jahr.

Eine Reise um die Welt in 365 Bildern
Das Magnum Archiv
Prestel Verlag, München - London - New York 2017

Wednesday, 1 November 2017

Elizabeth Heyert: The Outsider

I love the concept of this book and do think it an excellent idea to photograph people who take photographs of other people – and felt instant sympathy when glancing through the pages of this tome. Very probably because I have taken such pictures myself. And also, because these photographs show the ones portrayed as actors on a stage.

In 2014, Elizabeth Heyert, who lives and works in New York, started to photograph the Chinese taking photographs of each other. „They shoot incessantly, often with family members looking on and directing, and with an intimacy with their environment that borders on stagecraft.“

She traveled to Beijing, Shanghai, Suzhou and Hangzhou, „often wading through enormous crowds to uncover private moments between people who were strangers to me.“ Unable to speak Chinese, she remains an outsider, a spectator. In her words: „I call the project The Outsider because as a Westerner in the East, and a stranger in a foreign culture searching for authenticity, I allowed myself to be a spectator of the photographer/subject relationship.“

Part of being attracted to this book results from the fact that I myself have once been (in 2002, as a teacher of English) a stranger in this foreign Chinese culture, albeit not searching for authenticity (also: the idea of searching for authenticity via photographs has so far never occurred to me) but missing the possibility to communicate with words. Being unable to verbally communicate while being amongst the Chinese often felt like visiting a zoo – which, needless to say, can be fascinating, on both sides. I particularly remember Chinese children who stared and cheered at me up in the mountains of Fujian Province – as strange and fascinating as they seemed to me, as strange and fascinating I must have seemed to them.

For the full review, please go here

Wednesday, 25 October 2017

In Trondheim

"To Trains" the signs at Trondheim airport say and so I assume that by following them I will get to the airport train station. After quite some walking I ask a young couple that comes towards me from where I'm heading to where I can buy a train ticket. They don't know, they say, they have never taken a train. I continue to follow the signs that eventually point to stairs that lead downward to sliding doors, an empty platform and two equally empty railway lines on both sides of the platform. It is pitch dark, I'm the only human being in what feels like a science fiction scenario and so I decide to return to the arrival hall of the airport. As I climb up the stairs a young woman is heading down the stairs. Is this the station? I ask. I don't know, she says, I've never taken a train.
It was mine, says the elderly man standing net to me in the souvenir shop of the Nidaros Dom. I was slightly perplexed for I could neither place him nor what he just had said. But then it dawned on me that we had met in the elevator of the hotel where we both stayed and his "it was mine" referred to the room card that he had picked up from the elevator floor.

He was from Southern Norway. We talked about the unusually warm weather when all of a sudden he asked whether I knew Svalbard. Sort if, I said, for I had recently reviewed a photo book about it (Svalbard- an arcticficial-life). It is really weird up there, he said. And dangerous. Because the polar bears eat you. You have to carry a gun at all times. It was warm when I was there, ten above zero, the ice was melting. The polar bears couldn't find anything to eat for they cannot hunt for fish from moving ice blocks. They soon will be extinguished.

With a Norwegian I would never have such a conversation, says the Romanian waitress, who has lived here for quite some years and with whom I had by then chatted for a few minutes. My own Norwegian experience is different (see the above paragraph), the fact that I often take the initiative and start talking is surely a contributing factor. Especially animating conversations I've had with the receptionists at my hotel (one was a martial arts instructor, another knew how to read Braille – one day, in his student dormitory, he had come across an instruction manual and decided to teach himself reading like the blind), the manager of two 7/11s (he had dropped out of informatics studies because he did not feel like spending most of his working hours in front of computer screens and loves the variety of tasks he is now daily dealing with) and the manager of a poster store that sells photographs in various large formats (the ones that sell best are prints in black and white that show scenes from the Tour-de-France – for reasons unbeknownst to her). 
To get away from your usual environment means to experience slower and longer days for you have much more time on your hands. It also means to make discoveries. In Trondhein, for instance, there's the Rockheim, the national museum of popular music where highly knowledgeable and friendly staff will introduce you to Norwegian Rock and Pop. Moreover, the town is full of fabulous architecture and breathtaking scenery.

I also learned that waffles are a Norwegian tradition, in my hotel they were offered for free in the evenings. Another of my culinary discoveries were shrimp baguettes. The first one I had was open so that I could see that there were two slices of lemon on top of the shrimps, the second one however came wrapped in plastic and it didn't occur to me that there could be lemon slices included until I had swallowed one.

Wednesday, 18 October 2017

Photography & Speed

Photography did not appear all at once as we know it now. Talbot's process, the almost-universal method of photography since the 1850s, produced a negative image and the possibility of printing multiple positives from that negative. But it was Daguerre's process that dominated the first decade of photography. Daguerre had found a way to make direct positive images on polished plates. Each daguerreotype was unique, since there was no negative and no printing, and the images were small and elusive. The mirrored surface that at one angle showed the image at another showed the viewer looking at the image; it seemed phantasmagorical in a way paper prints would not. Compared to painting, early photography was astonishingly fast, but it required exposures from dozens of seconds to several minutes. Morse, who was in Paris the spring of Daguerre's announcement, wrote back to New York of the new invention, "Objects moving are not impressed. The Boulevard, so constantly filled with a moving throng of pedestrians and carriages, was perfectly solitary, except for an individual who was having his boots brushed. His feet were compelled, of course, to be stationary for some time, one being on the box of the boot-black and the other on the ground. Consequently his boots and legs were well defined, but he is without body or head, because these were in motion." This man having his shoes polished and the blurry bootblack were the first human beings photographed, and it is eerie to look at them apparently alone, but really surrounded by scores who vanished into speed Photography was faster than painting, but it could only portray the slow world or the still world. People sat for their portraits with braces to hold their heads steady, and in those old portraits fidgeting children are often a blur. Landscapes were photographed on windless days when the leaves wouldn't move and the water was smooth. The bustling nineteenth century had to come to a halt for the camera, until Muybridge and his motion studies.

Even so, photography was a profound transformation of the world it entered. Before, every face, every place, every event, had been unique, seen only once and then lost forever among the changes of age, light, time. The past existed only in memory and interpretation, and the world beyond one's own experience was mostly stories. The rich could commission paintings, the less rich could buy prints, but a photograph reproduced its subject with an immediacy and accuracy art made by hand lacked, and by the 1850s it offered the possibility of mass reproductions, images for everyone. Every photograph was a moment snatched from the river of time. Every photograph was a piece of evidence from the event itself, a material witness. The youthful face of a beloved could be looked at decades after age or death or separation had removed that face, could be possessed like an object. Daguerreotypes, which were soon sold in elaborately molded cases with cut-velvet linings facing the image that sat within, were alluring objects. Soon countless were lining up to possess images of themselves, their families, their dead children, to own the past.

Rebecca Solnit: Rivers of Shadows. Eadweard Muybridge and the technological Wild West

Wednesday, 11 October 2017

Paläo-Art

Paläo-Kunst werde häufig mit paläolitischer Kunst (Höhlenmalerei) verwechselt, schreibt Walton Ford im Vorwort zu diesem grossformatigen Prachtsband. Doch während die Höhlenmalerei von prähistorischen Menschen erschaffen worden sei, stammten die Gemälde der Paläo-Kunst von einem Menschen der Neuzeit, der auf diese Weise die Vorgeschichte abbilden wolle.

Die Paläo-Kunst, eine visuelle Tradition, welche die prähistorische Vergangenheit rekonstruiert, nahm ihren Ursprung 1830 in England. Ausgangspunkt sind die Knochen. "Nachdem Paläontologen die Überreste eines prähistorischen Tieres entdeckt und ausgegraben haben, stellt sich ein Künstler anhand dieser Nachweise in Form von Skeletten vor, wie das Lebewesen wohl einmal ausgesehen haben mag, und füllt dieses Bild mit Muskeln, Haut, einer Textur und Farbe. Für eine Zeichnung oder ein Gemälde versetzt der Paläo-Künstler das rekonstruierte Urtier schliesslich in einen urwüchsigen  Lebensraum, samt den passenden Pflanzen und einer entsprechenden Landschaft." 
Pteranodon
Heinrich Harder, reconstructed by Hans Jochen Ihle, 1982
Explosives blasted the Berlin Aquarium in November 1943, destroying Harder’s dazzling mosaics on the facade. In 1982, the Aquarium reconstructed the mosaics, using photographs, tile fragments, and Harder's original plans. The book features all-new photography of these historic recreations.
Copyright: Borrissiak Paleontological Institute RAS

Zoë Lescaze widmet ihre Einführung ("Die Kunst, die Toten zum Leben zu erwecken") grösstenteils der Entstehung (ca. 1830) der Duria Antiquior von Thomas de la Bèche, einem Geologen, der fossile Funde seiner Fantasie unterwarf und noch nie gesehene Tiere kreierte und so die erste Abbildung (Aquarell auf Papier) der prähistorischen Welt schuf. "Ursprünglich wollte der Geologe einfach einer Freundin helfen, als er sich an die Zeichnung der Tiere machte, die einst am östlichen Zipfel Dorsets lebten und starben."

Das Bild Duria Antiquior wurde als Lithographie reproduziert und verbreitete sich rasch in den Wissenschaftszirkeln Londons. Verschiedene Wissenschaftszweige, unter ihnen die Paläontologie, entwickelten sich in dieser Zeit rasant. "Für viele bestand der Reiz der Fossilien darin, dass sie das Unendliche endlich erscheinen und unermesslich viele Jahrtausende wahrhaft physisch (be)greifbar machen konnten." 
Tree of Life
Alexander Mikhailovich Belashov, 1984
All-new photography of this colossal Russian mosaic shows the work teeming with animals, spanning millions of years in geological time.
Copyright: Borrissiak Paleontological Institute RAS

Die frühen Paläo-Künster, so Zoë Lescaze, wollten so recht eigentlich gar nicht besonders fantasievoll sein. Ihre Werke erschienen vorwiegend zur Illustration wissenschaftlicher Werke. Ihre modernen Ausformungen haben, wie wir alle wissen, schon längst Hollywood erreicht. "Heutzutage ist die visuelle Kultur von Dinosauriern  und anderen prähistorischen Tieren geradezu übersättigt." Doch nicht die ganze Paläo-Kunst ist Mainstream. "Einige Werke der Paläo-Kunst sind breite, gut gepflasterte Boulevards, andere dagegen verwinkelte Gassen – sie alle aber führen in unerwartete Gegenden der menschlichen Psyche." 

Aufklärend fasst der Klappentext zusammen, dass es sich bei diesem Buch um eine beeindruckende Sammlung von Kunstwerken aus wichtigen naturgeschichtlichen Museen, düsteren Archiven und Privatsammlungen  handelt. Zudem enthält dieser Band, neben vier Faltblättern, auch "neue Fotografien zentraler Werke, darunter auch Charles R. Knights Dinosaurier-Gemälde in Chicago und wenig bekannte Meisterwerke wie A.M Belashovs monumentales Mosaik in Moskau." 
Tyrannosaurus and Edmontosaurus
Ely Kish, c. 1976
Copyright: Eleanor Kish, © Canadian Museum of Nature

Für jemanden wie mich, für den die Paläo-Kunst absolutes Neuland ist, tragen die kenntnisreichen und wohlformulierten Texte von Zoë Lescaze ganz besonders zur Wertschätzung dieses beeindruckenden Werkes bei. Nicht zuletzt, weil sie mir klar gemacht haben, dass die Paläo-Art auch immer ein Nachsinnen über die Frage ist, ob die Menschheit als Art überdauern wird, was mit sich bringt, "sich seines eigenen Lebens und unvermeidlichen Todes bewusst zu werden." Ich fühlte mich durch die Beschäftigung mit dieser zwischen Fakt und Fiktion angesiedelten Kunst wunderbar bereichert.

Zoë Lescaze
mit einem Vorwort von Walton Ford
PALÄO-ART
Darstellungen der Urgeschichte
Taschen Verlag, Köln 2017

Wednesday, 4 October 2017

False Memories

Thirty years ago, I shared an apartment with my younger brother Thomas in Lausanne. Of the trips that we did together to places nearby, I particularly remember one by car to the Lac de Joux. The area around it looked sort of moon-like, lots of stones, it radiated the aura of a windswept, rugged terrain. Now imagine my surprise when, a few days ago, I revisited the place and it didn't in the least resemble my memory.
Don't get me wrong: I liked what I saw yet started to wonder what strange tricks my mind seemed to have played on me. Was it maybe another lake and I had simply mistaken it? I've decided to explore the surroundings of Le Pont, where I had gotten off the train, and discovered another nice lake, Lac Brenet, that had absolutely nothing in common with what had been on my mind for all these years.
And so I did what one does in the days of the internet and googled the lakes of the Canton de Vaud – yet there weren't any pictures of a lake that looked even remotely close to the pictures in my head. Had I been dreaming? And if so, for thirty years? Possibly but it doesn't feel right, it feels truly weird. And then my friend Peggy said the windswept, rugged terrain that I occasionally had talked about had always reminded her of Lac de Bret near Puidoux that she knew from visits with her parents – the restaurant shown on the internet looked indeed similar to the one I've always remembered but everything else was much too green. Maybe I should once visit in winter?
It is of course one thing to say that memory is creative, it is however quite another to experience it the way I did while in Le Pont. Disturbing? Definitely! Fascinating? Sure – but above all pretty irritating. Given all these uncertainties in regards to the past (and, needless to say, the future), we're probably well advised to concentrate on the present.

Wednesday, 27 September 2017

Svalbard - An Arcticficial Life

Nick's Limo  @ Julia de Cooker

Svalbard – An Arcticficial Life by Paris-based Julia de Cooker, born 1988, a French/Dutch photographer, educated at ECAL, the School of Art and Design in Lausanne, Switzerland, portrays an archipelago in the very north of mainland Europe.

According to Wikipedia, Svalbard, a Norwegian archipelago in the Arctic Ocean, about midway between continental Norway and the North Pole, was until 1925 known by its Dutch name Spitsbergen.

What do people do in such a remote place? How do they make a living? When, in 1596, the Dutch seafarer Willem Barentsz arrived at these islands, they became an international whaling base and also a point of departure for expeditions to the North Pole. And then there was also coal mining. Nowadays, the city of Longyearbyen, once known as a mining town, features hotels, restaurants and the University of Svalbard, founded in 1994, one of the most renowned places for the study of Arctic Science, I understand.

Julia de Cooker writes: „About two thousand people from more than forty countries live in the city. They take advantage of the special status of Svalbard, which allows them to live there without visas or working permits.“ This is pretty exceptional indeed and I would have very much liked to discover as to why that is – yet the book doesn't provide such information. I would also have appreciated to learn about the personal views of people living there, about their motivation to choose life in such a remote part of the planet etc.

For more, go to http://www.fstopmagazine.com/ 

Wednesday, 20 September 2017

In Belgrade

On the way from the airport to town, the hotel-driver grabs his mobile phone in order to show me pictures of Skiathos (where his family is from) and of his Nigerian girlfriend. In addition, he invariably points to casting pits and says: Nato bombs.

The pictures of the hotel on the internet and the hotel reality differ considerably yet the staff is friendly and helpful. In the cafés nearby smoking is the rule (and I feel transported back to Switzerland in the 1970s), many sidewalks are used as parking lots.
Since this is my first visit to Belgrade and I know nothing about the place (I had booked a hotel and inquired about the weather – that was my preparation for this five-day trip), I ask locals what they think worthwhile to go and see. Of the places suggested Sava's Temple and the Danube water front in New Belgrade impressed me most.

In order to get to New Belgrade I had to change buses at Zemun station. The fare was 150 Dinar. The bus driver didn't have change for my 200-note and said: 'You go free'. Upon attempting to enter the bus on my way back, the driver beckoned me over to the driver's door. He refused my 150 Dinar, he wanted to talk. Since he only spoke Serbian and I didn't our conversation was limited to exchanging the names of football clubs ('Young Boys', he said. 'Bern', I said. 'Good', he said) and tennis players ('Federer', he smiled, 'Very good'. 'Djokovic good', I smiled. 'Okay', he said). Shortly before the final stop he said 'Drink coffee'. I offered him 150 Dinar. He said 'No', took the 100-note and said 'Okay'.
I go for various unplanned walks, from between five to seven hours a day, stop at many cafés for cappuccino, check out Serbian food (huge portions, excellent meat) and discover, in the neighbourhood of my hotel, many tree-covered narrow streets and alleyways and lots of small businesses – I feel enchanted.

One of the things that baffle me most is the fact that I'm rarely fully present. By this I mean that most of the time I'm only physically where I am and that my mind is somewhere else. This is especially true when I'm caught up in the routines of my daily life. Since going places also means escaping the daily routines, I'm asking myself whether being in a foreign city makes me feel more in the present. A little bit, only a little bit. Time passes more slowly and the days seem clearly longer yet it still requires considerable efforts to focus on the here and now – yet the few successful moments feel definitely great.

Wednesday, 13 September 2017

In the Land of Smiles

"Do you know why the Thais smile so much?", asked my friend Sukit, many years ago, on one of my visits to Trang, the city in Southern Thailand where he, his wife and his son happened to live. "Because a smile is never out of place."

In Thailand, that is. For as I've learned from a Thai woman in her thirties, who had lived twelve years in Sydney, the Thai habit of smiling when having made a mistake (the idea behind it is to try to calm one's boss down) doesn't play well with Australians who are not used to reading the varieties of smiles that the average Thai have at hand and regularly feel like being laughed at.
At the train station in Chachoengsao

The other day, when I inquired at the hotel reception whether my friend Bill, as he had informed me, did leave his phone number, the receptionist asked: "You meet your friend already?". "Yes", I replied, wondering first what this had to do with his phone number but then it dawned on me – since I had already met him, the phone number now wasn't really of use anymore, I imagine her thinking. "Okay, I check", she said and started to examine the rubbish bin. She quite obviously had thrown it away. I started to smile, she smiled back and that was that. There would be other ways to get in touch with Bill.
Meeting point in Chachoengsao

On the wall of my room hangs the following "announce" as it is called:
You can deposit your valuables or money in our safe deposit box at the front desk as the management is not responsible for any loss.
The Hotel will not be held responsible for the guest's property in case of loss or damage as following.
The loss or damage occurs in the hotel.
If the property that is lost is money, gold, traveler checks, jewelry other valuable items the Hotel shall not take responsibility.
The Hotel shall not be liable for any loss or damage by the following cases:
1) The case is beyond the control of the Hotel
2) The existing condition of the article.
3) The loss or damage is made by the guest.

Pretty comprehensive, I'd say.

Wednesday, 6 September 2017

Am Rhein bei Sargans



Diese Aufnahmen machte ich, 
beziehungsweise mein Nokia Phone, 
am 25. August 2017

Nichts verblüfft mich mehr als dieses eigenartige Phänomen, dass ich selten sehe, was vor meiner Nase liegt. So habe ich etwa erst diesen Sommer entdeckt, dass es am Rhein bei Sargans Sandbänke und Steinablagerungen gibt, wo man baden kann. Eigenartig, dass man den grössten Teil seines Lebens – klar doch, ich spreche von mir – so selten sinnlich und gedanklich da ist, wo man physisch ist.

Wednesday, 30 August 2017

Steve McCurry: Afghanistan

Many of the pictures in this tome I remember having admired during an exhibition at the Museum für Gestaltung in Zurich in 2015. As always when looking at Steve McCurry's photographs I marveled at the incredibly intense colours that made the pictures look fantastic and somewhat unreal, fairy-tale like.

Afghanistan is a large format tome (hardcover, 26,7 x 37 cm, 256 pages) – Cologne-based publisher Taschen understands better than most of its competitors that photo books are much more impressive when they come in large format – and that presents stunning portraits, awe-inspiring landscapes, moving scenes as well as compositions that are testimony to the photographer's extraordinary eye.
Bamiyan, 2006 @ Steve McCurry

It goes without saying that what we see in photographs largely depends on what we bring to them. So what do I associate with Afghanistan? What immediately comes to mind is what I've recently heard on TV – that the country is known as the graveyard of empires for many of the world's powers have tried and failed to conquer Afghanistan. Apart from the power struggles, I think of grandiose landscapes and a harsh climate. What I also bring to these images is a willingness to be visually introduced to an unknown world.

What above all strikes me when spending time with Steve McCurry's Afghanistan is the sensation that this is a very old culture – you can see that especially in the eyes and the postures of the people portrayed. They radiate something that goes beyond their immediate presence, they seem to represent not only ancient history but something eternal.

Apart from places of worship, hardly any buildings appear intact. This is certainly due to the ongoing wars that, to the outsider, seem a permanent feature of this country but one also wonders whether Afghans – as the Indian intellectual U.R. Ananthamurty once remarked about Indian writers – are living  "simultaneously in the 12th and 21st centuries, and in every century in between." Steve McCurry's photographs, that often resemble paintings, reinforce this impression.
Kabul, 2003 @ Steve McCurry

In his highly informative afterword William Dalrymple points to the great diversity of racial types. "The genes of one hundred different races meet here and intermingle." And he adds: "As bewitchingly rugged as the Afghans themselves is the formidable landscape that produced them."

Eighty percent are illiterate, I learn. "Yet they are a proud people, eyes levelled straight, in contempt as much as in curiosity: These are the faces, both male and female, that peer so defiantely from Steve McCurry's magnificent Afghan portraits."

Since Steve McCurry has been coming to Afghanistan for over thirty years, he also has had ample opportunity to record the tragedy of Afghanistan's modern wars and this collection isn't short of the ubiquitous violence of the country.

William Dalrymple's text  perfectly complements Steve McCurry's "utterly original" shots. On the one hand because it refers to the photographs in this book (and this is amazingly rare in photo books), on the other hand because the writer shares his own relationship with Afghanistan – especially the story of his latest arrival at Herat airport is wonderfully telling.
Mazar-e Sharif, 1991 @ Steve McCurry

Afghanistan is an extraordinary book about an extraordinary country.

Steve McCurry
Afghanistan
English, German, French
Taschen, Cologne 2017

Wednesday, 23 August 2017

The Human Cost of Agrotoxins

This tome documents the catastrophic consequences of inconsiderate use of agrotoxins by Monsanto in the Northeast of Argentina over twenty years, mainly congenital malformations. But there are also other kinds of sufferings that are not readily visible: miscarriages and cancer, as photojournalist Pablo E. Piovano, born 1981, states.

Unsurprisingly, most media rarely write about it. "Silence was what made most noise. So I decided to go out and document on my own to know what was happening to the health of the people living in the fumigated villages", writes Pablo E. Piovano.

In other words: "The Human Cost of Agrotoxins" is classic documentary and this means: to go out into the world, confront yourself with what is out there   and then tell us about it. 

For the full review, please see http://www.fstopmagazine.com/

Wednesday, 16 August 2017

Foreign Correspondents: The Art of Guessing

When they arrived in Phnom Penh they discovered that there had been a revolution in Thailand. As Times correspondent, Robert was desperate. He read the French newspapers in Phnom Penh, translated the article on the revolution, rewrote it and cabled it to London. As the story was going out he remebered that the French correspondent in Bangkok was a friend of ours and totally unreliable –given to wild exaggeration and catastrophic conclusions.
"Did you cancel the cable?" I asked fearfully.
"No," said Robert, "but I added a shaky postscript: PLEASE CHECK."

Thus do the headlines in Southeast Asia originate. Formerly I had a touching faith in the veracity of our better newspapers, now I read everything from that dim area with tongue in cheek. The respectable format of the London and New York Times impresses me no longer. Behind the authoritative columns I have my memories of the wild and bewildered correspondents in the mad countires in which no Westerner knows or understands what is really happening. Robert spoke fluent Thai and knows more abot Thailand than anyone I ever met out there, but in times of stress the Thai were not given to conversation and most of Robert's stories were educated guesses.

Carol Hollinger
Mai Pen Rai Means Never Mind

Wednesday, 9 August 2017

Edward Weston 1886-1958

@taschen

This beautifully done book of photography by Edward Weston was edited by Manfred Heiting and comes with an essay by Terence Pitts and with a (very brief, comprising merely half a page) portrait by Ansel Adams who wrote among other things: "Edward suffers no sense of personal insecurity in his work; he required no support through 'explanations,' justifications or interpretations ... I would prefer to join Edward in avoiding verbal or written definitions of creative work. Who can talk or write about the Bach Partitas? You just play them or listen to them." And this is exactly what I did after having read that.
Edward Weston with Seneca View Camera 
Copyright: Collection Center of Creative Photography 
© 1981 Center for Creative Photography, Arizona Board of RegentsPhoto: Tina Modotti, 1924

Edward Weston was the son of a doctor, his mother died when he was five, his formal education ended before high school. "I cannot believe I learned anything of value in school, unless it be the will to rebel," he later wrote according to Terence Pitts who writes about the life and art of the photographer in an interesting text entitled "Uncompromising Passion".

Before spending time with this book, I was only familiar with Weston's Nudes and his relationship with Tina Modotti, an Italian immigrant to the United States who had acted in several silent movies in Hollywood and who would eventually become a photographer herself. Their time in Mexico had quite an impact on Weston. "In his daybooks he described street life in Mexico as 'sharp clashes of contrasting extremes ... vital, intense, black and white, never gray'. By contrast, Glendale, California, now seemed 'drab, spiritless, a uniform gray – peopled by exploiters who have raped a fair land."

Eggs and Slicer, 1930
Copyright: Collection Center of Creative Photography 
© 1981 Center for Creative Photography, Arizona Board of Regents

Edward Weston believed that photography must take a different avenue than the other arts. "The camera should be used for recording a life, for rendering the very substance and quintessence of the thing itself, whether it be polished steel or palpitating flesh." And so he also photographed shells and sliced vegetables. "Weston made many of the photographs that are now recognized as among the most important: photographs of a gleaming white chambered nautilus shell set in a dark, ambiguous space; pairs of shells tucked into each other; and sensous bell peppers."

Many of his photographs are razor-sharp, and quite some taken from up close. His credo from later years can be felt or so it seems. "I am no longer trying to 'express myself,' to impose my own personality on nature, but without prejudice, without falsification, to become identified with nature, to see or know things as they are, their very essence, so that what I record is not an interpretation   my idea of what nature should be   but a revelation, a piercing of the smoke screen ..."

Nude, 1936 Copyright: Collection Center of Creative Photography
 © 1981 Center for Creative Photography, Arizona Board of Regents
My favourite pics in this tome show dunes, landscapes and the ones that present views of the Armco Steel mill in Ohio. Weston felt that the artist had to respond to "the architecture of the age, good or bad  showing it in new and fascinating ways", as he had written in his daybooks. Stieglitz, whom he showed his portfolio of prints, was not enchanted. "Instead of destroying or disillusioning me he has given me more confidence and sureness    and finer aesthetic understanding of my medium", Weston wrote to his friend Johan Hagemeyer." In other words, his ego seemed to match the one of Stieglitz.

Edward Weston
1886-1958
Essay by Terence Pitts
With a Portrait by Ansel Adams
Edited by Manfred Heiting
Taschen, Cologne 2017

Wednesday, 2 August 2017

The Best of LensCulture

“How to discover the best practitioners worldwide amidst our image-filled cultures of the 21st century?”, Jim Casper, the Editor-in-Chief of LensCulture, asks in his introduction. “Our editorial team scours the globe – attending festivals, portfolio reviews, exhibitions and graduation shows – in search of new and developing talents. And each year, we organize four annual photography awards to extend our reach even further.” In addition, LensCulture sends out its calls for entries in 15 languages, uses social media and taps into photography newtworks all over the world. In other words, the LensCulture team is undoubtedly very active.

But what are the criteria for great talent? “LensCulture draws on the expertise of an international panel of jury members for each award. These jurors are active and influential in the world of photography. Thanks to their experience, they are adept at identifying photographers who are doing something special in their work. You can be assured that the 161 photographers you will discover in these pages are among the best of the best.” In other words, there are no criteria given and explained respectively.
It might of course very well be that this not exactly illuminating self-promotion – trust us, we are the experts, Jim Casper is basically saying – is well deserved. Although to claim expertise without elaborating on the criteria employed is pretty common, I do find it not exactly convincing.
On the other hand: It is indeed difficult to define relevant criteria for judging pictures. The protagonist of Robert M. Pirsig’s “Zen and the Art of Motorcycle Maintenance” ... 
For the full review, see http://www.fstopmagazine.com/

Wednesday, 26 July 2017

Was Pressefotografien meist nicht zeigen

Pressefotografien zeigen die Welt nicht wie sie ist, Pressefotografien zeigen die Welt, wie ein Fotograf (Frau oder Mann) sich diese Welt beziehungsweise einen Ausschnitt davon für einen Moment zu sehen (und dem Publikum zu zeigen) entschieden hat.

Die Sichtweise des Pressefotografen ist von ganz unterschiedlichen Faktoren (Alter, Geschlecht, Ausbildung etc.) und nicht zuletzt von seinen persönlichen und kulturellen Voreingenommenheiten geprägt. Die so speziell nun allerdings auch nicht sein können, denn wie wäre sonst die Uniformität vieler Pressebilder zu erklären: Wieso, ums Himmels Willen, zeigt man uns eigentlich ständig Aufnahmen von sogenannten „world leaders“, die sich die Hände schütteln oder den Zeigefinger aufs Publikum richten (soll das etwa andeuten, man wisse in welche Richtung es gehen solle?).

Betrachtet man etwa Bilder von winkenden Politikern vor der geöffneten Flugzeugtür, ist man gut beraten, die eigene Vorstellungskraft zu bemühen und sich gelegentlich zu fragen, was solche Aufnahmen alles nicht zeigen (etwa, dass solche Flieger in aller Regel in ziemlicher Distanz vom Flughafengebäude und nicht in Sichtweite begeistert zurück winkender Menschenmassen stehen).

Fotografieren bedeutet einrahmen. Der frühere Leiter der Fotografie-Abteilung des New Yorker MoMA, John Szarkowski, bezeichnete das Einrahmen einmal als die Essenz des fotografischen Handwerks, bei dem die zentrale Frage für den Fotografen laute: Was soll ich ins Bild nehmen? Was soll ich ausschliessen? Der Bildrahmen definiert den Inhalt.

Die Fortsetzung findet sich hier:

Wednesday, 19 July 2017

Arzt der Armen

"Seit geraumer Zeit bildet die wachsende soziale Ungleichheit das Kardinalproblem der Menschheit", leitet Christoph Butterwegge sein Vorwort zu diesem Band ein. Unter denen, die unter die Räder kommen oder bei dem allgegenwärtigen "rat race" ganz einfach nicht mehr mitmachen mögen, wächst weltweit die Zahl der Obdachlosen. "Nach wie vor werden die Obdachlosen in vielen Städten aus dem öffentlichen Raum verdrängt, stören sie doch das lokale Wohlstandsidyll. Auf der Strasse lebende Menschen sind einem rigiden und repressiven Armutsregime ausgesetzt, für das Polizeirazzien, Platzverweise, Aufenthaltsverbote und Schikanen privater Sicherheitsdienste stehen."

Zu den Menschen, die sich dieser Obdachlosen annehmen, gehört der Arzt Gerhard Trabert. Ihm und den Obachlosen ist das fotografische Dokument Arzt der Armen, das Andreas Rees geschaffen hat, gewidmet.
Arztmobilsprechstunde in Bingen

"Andreas Reeg hat uns über zwei Jahre bei unserer sozialarbeiterischen und ärztlichen Beziehungsarbeit mit von Armut betroffenen Menschen, speziell wohnungslosen Menschen, begleitet. Er hat selbst Beziehung im Sinne der Gleichwürdigkeit zu den betroffenen Menschen gelebt", schreibt Gerhard Trabert. 'Gleichwürdigkeit' ist für mich ein neues Wort, jedenfalls habe ich es noch nie bewusst wahrgenommen (zumindest kann ich mich nicht erinnern). Ein Wort, das mich nachdenklich und aufmerksam macht, ein Wort, das mich berührt, mir womöglich hilft, Obdachlose anders und neu zu sehen.

Einige von Andreas Rees' Fotos sind mit Aussagen der Porträtierten ergänzt. Auf die Frage, was sie sich wünsche im Leben, antwortete die 59jährige Ma-Ah-Tee, die seit 21 Jahren wohnungslos ist und der wichtig ist, anderen Wohnungslosen zu helfen. "Haben, was man braucht. Muss nicht der grösste Luxus sein. Was man halt braucht. Sorglos darüber verfügen zu können, was man braucht. Nicht, was man möchte, was man braucht. Und das ist es schon. Und Gesundheit, ganz wichtig."
Prof. Trabert im Gespräch mit Anneliese Schneider

Die Lebensgeschichte von Wolfgang Fahr, 84, der die Hälfte seines Lebens auf der Strasse verbrachte  und heute in einem Altersheim lebt, hat Robin Trabert aufgezeichnet. "Ich habe es nie bereut, auf mich selbst zu achten und von der Strasse weggeangen zu sein. Auf einen Schlag, von einem Tag auf den anderen habe ich gesagt, ich höre auf zu trinken, ich lasse es. Als ich dann 2008 in meine Wohnung gezogen bin, hatte ich noch zwei Flaschen Wein. Zwei Wochen später waren sie im Mülleimer, ich wollte nicht mehr trinken, es hatte keinen Sinn. Es liegt an jedem selbst, jeder ist seines Glückes Schmied."

So sehr das stimmt, so sehr stimmt eben auch, worauf Gerhard Trabert aufmerksam macht. "Die Politik fördert privaten Reichtum und nimmt öffentliche Armut (finanzielle Armut der Kommunen) in Kauf. Wieder versteckt man (zum Beispiel die Sozialbürokratie) sich in Deutschland zunehmend hinter Gesetzen und Bestimmungen, legt damit soziale Verantwortung ab und bedenkt nicht, zu was dieses Verhalten bei davon betroffenen Menschen führt."

Diesen Menschen ist Gerhard Trabert verbunden. "Je dichter ich Armut ausgeliefert war, um so näher war ich den Menschen und somit auch meinem eigenen Selbst." Das glaubt man beim Betrachten dieser Bilder zu spüren.

Andreas Reeg
Art der Armen
Kehrer Verlag, Heidelberg 2017

Wednesday, 12 July 2017

Destino Final

Skyvan PA-51, one of the five planes of the Argentine Naval Prefecture used for death flights during the 1976-1983 military dictatorship. The aircraft operated the flight on 14 December 1977. Fort Lauderdale, Florida, United States, 2013.

Destino Final is an impressive, and deeply moving, document and that has mainly to do with the ingenuity of photographer Giancarlo Ceraudo. Let me elaborate: Photographs, generally speaking, capture the moment and, as the saying goes, bring time to a standstill. In other words, photography is about recording the present. So how do you go about a photographic project that aims at recording occurrences that happened before your time? 

My review you will find on http://www.fstopmagazine.com/

Wednesday, 5 July 2017

Photographs trigger memories

Photos, in order to be understood, need captions. And, they need accompanying text that put what our eyes are showing us into context. Generally speaking, that is, for quite some photographs do not need additional information, they are self-explanatory.  

Take the above pic, for instance, everybody understands what it shows. Since it is by no means a remarkable pic one might wonder what made me put it online. Well, what it shows is extraordinary for, to me, all cloud formations are extraordinary, I could marvel endlessly at them.
Seemingly unremarkable pictures will take on different meanings by providing additional information. The pics on this blogpost I took in May 2017 while looking from Estavayer-le-lac to the other side of Lake Neuchâtel. And, while this information will probably not much influence your reading of these pics it surely does alter mine for it brings me back to that day when I rediscovered this small town that I had not visited for many, many years.
Contrary to popular belief, pictures do not tell stories yet they are an invitation to ask questions. And asking questions, as we all know, usually leads to more questions. 

Photographs often trigger memories. The ones above make me relive a time of which it is said that it has gone.

Wednesday, 28 June 2017

Fotoreporter im Konflikt

Als ich vor nunmehr gut 18 Jahren im Rahmen eines MA in Journalism Studies an der Universität von Wales in Cardiff die Dokumentarfotografie entdeckte, konnte ich von Fotografischem nicht genug kriegen. Eine Welt tat sich mir auf, begierig stürzte ich mich hinein. Vor allem angetan hatten es mir die "Klassiker" (Julia Margaret Cameron, Walker Evans, Dorothea Lange ...) und die Kriegsfotografen (Don McCullin, die "Vietnam-Fotografen" ...). Daher also mein Interesse an Felix Koltermann: Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina.

Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Werk (450 grossformatige, dicht beschriebene  Seiten, keine Fotos), eine Dissertation, die erfüllt, was von Dissertationen vor allem verlangt wird: Sie erbringt den Nachweis, dass der Autor seine Hausaufgaben gemacht hat, also gelesen hat, was es zum Thema zu lesen gibt sowie es analysiert, geordnet und bewertet hat. Im besten Fall liefert sie auch neue Erkenntnisse.

Koltermann beschreibt seinen Ansatz wie folgt: "Bisher wurde die Auseinandersetzung, wie die Beziehung zwischen Fotograf und Fotografierten aussieht, vor allem über die Bilder geführt. Die vorliegende Arbeit wechselt die Perspektive und wendet sich dem Fotografen und seiner Verortung im Journalismus- und Konfliktkontext aus Sicht der fotojournalistischen Praxis zu." Ein interessantes, jedoch höchst anspruchsvolles Unterfangen, das, abgesehen von den komplexen und komplizierten kulturellen und politischen Verhältnissen, auch praktische Probleme stellte. "Problematischer als gedacht erwiesen sich die Englischkenntnisse der Palästinenser."

Ich verfüge zwar über akademische Abschlüsse, Akademiker bin ich jedoch nicht. Ich denke nicht in methodologischen Kategorien. Anders gesagt: Ob die Folgerungen, die der Autor aus seinen Untersuchungen gezogen hat, logisch und überzeugend sind, beschäftigt mich nicht, denn weder habe ich ein tieferes Interesse am israelisch-palästinensischen Konflikt, noch glaube ich, dass die Rolle des Fotoreporters sich von der des schreibenden Reporters wesentlich unterscheidet, ausser dadurch, dass derjenige, der Fotos macht, gezwungen ist, näher ran zu gehen.

Bei Felix Koltermann klingt Letzteres so: "In der Anwesenheit des Fotografen in der Situation manifestiert sich das zentrale Qualitätskriterium fotojournalistischer Arbeit: die Authentizität als spezifische Form des journalistischen Qualitätsanspruchs (vgl. Grittmann 2007: 36). Die Anwesenheit des Fotografen ist der Garant für die Authentizität, während für die Objektivität im Textjournalismus journalistische Rechercheprogramme ausschlaggebend sind, unter denen die Anwesenheit vor Ort bzw. persönlicher Augenzeuge zu sein nur eines unter vielen Kriterien ist."

Nun ja, wie problematisch Augenzeugen sind, sagt treffend das russische Sprichwort: Er lügt wie ein Augenzeuge. Mit anderen Worten: Fotoreporter agieren nicht im luftleeren Raum, sondern gehen ihre Aufgabe mit dem biografischen Gepäck an, das alle Menschen leitet. Und so beschäftigt sich Felix Koltermann verdankenswerterweise recht ausführlich mit der Sozialisation der Fotografen. Das ist spannend zu lesen, doch daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen, ist eigentlich nicht möglich ("Da es im Fotojournalismus anders als im Textjournalismus kaum Möglichkeiten eines Volontariats gibt, ist der Sozialisationsprozess komplex und höchst individuell"), ausser auf einer sehr allgemeinen und wenig aussagekräftigen Ebene, so etwa, wenn der Autor "Bedarf nach einer qualifizierten Weiterbildung von Fotoreportern" ausmacht. Als Ergänzung zu den gängigen technikorientierten Kursen schlägt er "Rechercheschulungen mit besonderem Augenmerk auf der Arbeit in Konflikten bis hin zu Techniken zum Erhalt der psychosozialen Gesundheit" vor und fügt hinzu: "Damit verbunden ist die Entwicklung einer Haltung als kritischer Bildproduzent. Auf dem freien Weiterbildungsmarkt haben Angebote in dieser Richtung nur wenig Chancen."

Für mich ist dieses Buch vor allem eine eindrückliche Materialsammlung. Was der Mann da alles zusammengetragen hat! Besonders anregend fand ich die unterschiedlichen Auffassungen der Fotoreporter in Sachen praktische Ethik: Soll man als Fotograf helfen? Wie soll man mit Opfern im Bild umgehen? Die Stellungnahmen sind individuell höchst verschieden und machen vor allem deutlich, dass es einfache Antworten häufig nicht gibt.

Für mich geht es bei Pressebildern vor allem darum, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt, sie also be- und hinterfragt. Was dabei, wenn es denn überhaupt stattfindet, meist untergeht, sind Fragen nach dem Entstehungsprozess der Bilder. Felix Koltermanns Fotoreporter im Konflikt ist eines der seltenen Bücher, das sich genau mit diesen Fragen auseinandersetzt. Und leistet damit eigentliche Pionierarbeit. Bravo!

 Felix Koltermann:
Fotoreporter im Konflikt
Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina
transcript Verlag, Bielefeld 2017