Wednesday, 11 October 2017

Paläo-Art

Paläo-Kunst werde häufig mit paläolitischer Kunst (Höhlenmalerei) verwechselt, schreibt Walton Ford im Vorwort zu diesem grossformatigen Prachtsband. Doch während die Höhlenmalerei von prähistorischen Menschen erschaffen worden sei, stammten die Gemälde der Paläo-Kunst von einem Menschen der Neuzeit, der auf diese Weise die Vorgeschichte abbilden wolle.

Die Paläo-Kunst, eine visuelle Tradition, welche die prähistorische Vergangenheit rekonstruiert, nahm ihren Ursprung 1830 in England. Ausgangspunkt sind die Knochen. "Nachdem Paläontologen die Überreste eines prähistorischen Tieres entdeckt und ausgegraben haben, stellt sich ein Künstler anhand dieser Nachweise in Form von Skeletten vor, wie das Lebewesen wohl einmal ausgesehen haben mag, und füllt dieses Bild mit Muskeln, Haut, einer Textur und Farbe. Für eine Zeichnung oder ein Gemälde versetzt der Paläo-Künstler das rekonstruierte Urtier schliesslich in einen urwüchsigen  Lebensraum, samt den passenden Pflanzen und einer entsprechenden Landschaft." 
Pteranodon
Heinrich Harder, reconstructed by Hans Jochen Ihle, 1982
Explosives blasted the Berlin Aquarium in November 1943, destroying Harder’s dazzling mosaics on the facade. In 1982, the Aquarium reconstructed the mosaics, using photographs, tile fragments, and Harder's original plans. The book features all-new photography of these historic recreations.
Copyright: Borrissiak Paleontological Institute RAS

Zoë Lescaze widmet ihre Einführung ("Die Kunst, die Toten zum Leben zu erwecken") grösstenteils der Entstehung (ca. 1830) der Duria Antiquior von Thomas de la Bèche, einem Geologen, der fossile Funde seiner Fantasie unterwarf und noch nie gesehene Tiere kreierte und so die erste Abbildung (Aquarell auf Papier) der prähistorischen Welt schuf. "Ursprünglich wollte der Geologe einfach einer Freundin helfen, als er sich an die Zeichnung der Tiere machte, die einst am östlichen Zipfel Dorsets lebten und starben."

Das Bild Duria Antiquior wurde als Lithographie reproduziert und verbreitete sich rasch in den Wissenschaftszirkeln Londons. Verschiedene Wissenschaftszweige, unter ihnen die Paläontologie, entwickelten sich in dieser Zeit rasant. "Für viele bestand der Reiz der Fossilien darin, dass sie das Unendliche endlich erscheinen und unermesslich viele Jahrtausende wahrhaft physisch (be)greifbar machen konnten." 
Tree of Life
Alexander Mikhailovich Belashov, 1984
All-new photography of this colossal Russian mosaic shows the work teeming with animals, spanning millions of years in geological time.
Copyright: Borrissiak Paleontological Institute RAS

Die frühen Paläo-Künster, so Zoë Lescaze, wollten so recht eigentlich gar nicht besonders fantasievoll sein. Ihre Werke erschienen vorwiegend zur Illustration wissenschaftlicher Werke. Ihre modernen Ausformungen haben, wie wir alle wissen, schon längst Hollywood erreicht. "Heutzutage ist die visuelle Kultur von Dinosauriern  und anderen prähistorischen Tieren geradezu übersättigt." Doch nicht die ganze Paläo-Kunst ist Mainstream. "Einige Werke der Paläo-Kunst sind breite, gut gepflasterte Boulevards, andere dagegen verwinkelte Gassen – sie alle aber führen in unerwartete Gegenden der menschlichen Psyche." 

Aufklärend fasst der Klappentext zusammen, dass es sich bei diesem Buch um eine beeindruckende Sammlung von Kunstwerken aus wichtigen naturgeschichtlichen Museen, düsteren Archiven und Privatsammlungen  handelt. Zudem enthält dieser Band, neben vier Faltblättern, auch "neue Fotografien zentraler Werke, darunter auch Charles R. Knights Dinosaurier-Gemälde in Chicago und wenig bekannte Meisterwerke wie A.M Belashovs monumentales Mosaik in Moskau." 
Tyrannosaurus and Edmontosaurus
Ely Kish, c. 1976
Copyright: Eleanor Kish, © Canadian Museum of Nature

Für jemanden wie mich, für den die Paläo-Kunst absolutes Neuland ist, tragen die kenntnisreichen und wohlformulierten Texte von Zoë Lescaze ganz besonders zur Wertschätzung dieses beeindruckenden Werkes bei. Nicht zuletzt, weil sie mir klar gemacht haben, dass die Paläo-Art auch immer ein Nachsinnen über die Frage ist, ob die Menschheit als Art überdauern wird, was mit sich bringt, "sich seines eigenen Lebens und unvermeidlichen Todes bewusst zu werden." Ich fühlte mich durch die Beschäftigung mit dieser zwischen Fakt und Fiktion angesiedelten Kunst wunderbar bereichert.

Zoë Lescaze
mit einem Vorwort von Walton Ford
PALÄO-ART
Darstellungen der Urgeschichte
Taschen Verlag, Köln 2017

Wednesday, 4 October 2017

False Memories

Thirty years ago, I shared an apartment with my younger brother Thomas in Lausanne. Of the trips that we did together to places nearby, I particularly remember one by car to the Lac de Joux. The area around it looked sort of moon-like, lots of stones, it radiated the aura of a windswept, rugged terrain. Now imagine my surprise when, a few days ago, I revisited the place and it didn't in the least resemble my memory.
Don't get me wrong: I liked what I saw yet started to wonder what strange tricks my mind seemed to have played on me. Was it maybe another lake and I had simply mistaken it? I've decided to explore the surroundings of Le Pont, where I had gotten off the train, and discovered another nice lake, Lac Brenet, that had absolutely nothing in common with what had been on my mind for all these years.
And so I did what one does in the days of the internet and googled the lakes of the Canton de Vaud – yet there weren't any pictures of a lake that looked even remotely close to the pictures in my head. Had I been dreaming? And if so, for thirty years? Possibly but it doesn't feel right, it feels truly weird. And then my friend Peggy said the windswept, rugged terrain that I occasionally had talked about had always reminded her of Lac de Bret near Puidoux that she knew from visits with her parents – the restaurant shown on the internet looked indeed similar to the one I've always remembered but everything else was much too green. Maybe I should once visit in winter?
It is of course one thing to say that memory is creative, it is however quite another to experience it the way I did while in Le Pont. Disturbing? Definitely! Fascinating? Sure – but above all pretty irritating. Given all these uncertainties in regards to the past (and, needless to say, the future), we're probably well advised to concentrate on the present.